Das Selbsteigentum des Menschen
und die Pathologie des Staates

David Dürr – Die Freien / Oktober 2022



Eigentum ist die Strategie der Dinge dieser Welt, um dafür zu sorgen, dass es ihnen gut geht.

Es sind nicht die Menschen, die im Zug ihrer Sesshaftwerdung die Dinge der Welt zu ihrem Eigentum gemacht haben; es sind die Dinge dieser Welt, die in millionenjähriger Evolution die Funktion des Eigentums entstehen liessen. Natürlich geschah dies nicht planmässig – Evolution kennt keine Handlungspläne – sondern es geschah, weil es sich bewährt hat; weil es den Dingen guttat, einen Eigentümer und damit einen fürsorglichen Paten zu haben. Patenfürsorglichkeit gab es lange nicht auf der Erde, sie musste zuerst noch entstehen.

Emergenz von Subjektivität

Sie entstand erst mit dem Aufkommen hochentwickelter Organismen, deren Steuerungsorgane etwas völlig Neues auftauchen liessen, nämlich Bewusstsein und damit Subjektivität. Das ist das Ich-Gefühl, das Sie, liebe Leserin und lieber Leser, täglich von morgens bis abends und nachts im Traum bei sich haben; und dies (im Sinn des Wortes) derart selbstverständlich, dass Ihnen kaum bewusst wird, dass es nicht einfach da ist, sondern auf höchst komplexe Weise von Ihren Nerven- und sonstigen Steuerungssystemen laufend abgesondert wird.

Was diese Subjektivität ausmacht, ist nicht einfach die Steuerung von Entscheidungen, Handlungen, Körperbewegungen, sondern zusätzlich die Ausdifferenzierung eines Ichs mit dem Effekt, dies alles als eigene Entscheidungen, eigene Handlungen, Bewegungen des eigenen Körpers zu empfinden. Je leistungsfähiger dieses Ich im Lauf der Evolution wurde, je raffinierter es Wissen in Zukunftspläne umsetzte, je genialer seine technischen Erfindungen wurden, desto besser erging es dem von ihm als eigen gefühlten Körper. So profitieren Sie heute davon, dass es eine Instanz gibt, die Ihren Körper aufmerksam, geschickt, vorausschauend, sicher an den Klippen dieser Welt vorbeisteuert. 

In einschlägigen Fachgebieten etwa der Evolutionsbiologie, Anthropologie, Kognitionswissenschaft, Soziologie ist man sich einig, dass Bewusstsein im Sinn subjektiv konnotierter Wahrnehmung nicht schon immer da war und nur darauf gewartet hätte, bis sich ein genügend entwickeltes Gehirn finden würde, es aufzunehmen; so, wie wenn ein definiertes Software-Konzept nur noch darauf wartet, bis der dafür notwendige Quanten-Computer konstruiert ist. Bewusstsein entstand vielmehr dadurch, dass ein Nerven- und Steuerungssystem aufgrund spontaner Mutationen Bewusstsein zur Entstehung brachte, als neues Phänomen «auftauchen» liess und, soweit es sich für den damit ausgestatteten Organismus bewährte, aufrecht hielt. 

So wie sich optische, akustische, haptische oder andere Wahrnehmungsorgane darin bewähren, die Umwelt nicht erst dann zu erfahren, wenn man mit ihr kollidiert, so bewährt sich subjektives Bewusstsein mit einer geradezu genial funktionierenden Aussenstation, sozusagen einem Hochsitz, von dem aus sich ein weiter und damit reflektierender Blick auf den eigenen Organismus und dessen weiteren Kontext eröffnet. Solch spektakuläre Fähigkeiten setzen entsprechend leistungsstarke Hard Ware voraus. Die Grosshirnrinde des Homo sapiens ist ein besonders bemerkenswertes Beispiel. Es ist nicht etwa der Sitz des Ich-Bewusstseins, aber es verarbeitet aufgenommene Informationen derart virtuos, dass daraus dieses sehr spezielle Gefühl von Subjektivität aufkommt.

Subjektivität lässt sich also nicht mit Händen greifen, sondern rein subjektiv fühlen, doch ändert dies nichts an seiner Wirklichkeit; Wirklichkeit im Sinn des Wortes, und wie es wirkt! Es macht den Menschen zum Menschen, nicht nur für sich selbst, sondern auch im gesellschaftlichen und nicht zuletzt rechtlichen Kontext. 

Eigentum als individuelle Abgrenzung

Was evolutionsbiologisch die Emergenz von Subjektivität auslöst, soziologisch die Beschaffung eines fürsorglichen Paten bewirkt, bedeutet rechtlich, dass der Körper des Menschen jeweils ihm allein gehört. Dies nicht so sehr, weil das Eigentum am eigenen Körper gerecht, zweckmässig oder effizient ist (das zwar alles auch), sondern vor allem weil es der Wirklichkeit entspricht. Das Selbsteigentum des Menschen ist eine Tatsache.

In der Regel wird es denn auch von jeweils anderen Menschen respektiert. Und auch dies nicht so sehr, weil dieser Respekt gerecht oder anständig, sondern weil er eine Tatsache ist; nämlich dass sich die Subjektivität eines jeden Menschen nicht auf einen fremden, sondern auf seinen eigenen Körper bezieht. Kommt es zu einem Übergriff, wird er spontanen Widerstand des betroffenen Organismus beziehungsweise von dessen Subjektivität auslösen, in der Regel auch seitens von dessen näherem Umfelds oder gar von weniger betroffenen Drittzeugen des Geschehens; demgegenüber wird die offensive Energie des Übergreifenden tendenziell abnehmen. Oder kurz: Actio gleich Reactio.

Nichts anderes als dies sind die in der menschlichen Kultur verwurzelten Persönlichkeits- und Menschenrechte auf Leben, Leib und Gesundheit oder das oft daraus gefolgerte Nicht-Aggressions-Prinzips. Diese Normen ergeben sich nicht aus ewigen Prinzipien, die hoch oben am Himmel prangen (so schön es Schiller im Wilhelm Tell auch formuliert), sondern aus dem Urschlamm rein irdischer, bottom up entstandener, rein natürlicher Verhaltensgesetzmässigkeiten.

Eigentum an einer Sache

Zum eigenen Körper gehört auch das in ihm heranwachsende Ungeborene. Wird das Kind geboren, von der Säugetiermutter genährt und gepflegt, hat es zunächst noch weitgehend die Subjektivität der Mutter, des Vaters oder weiterer, im Sinn des Wortes nahestehender Personen. Und wiederum wird dies in der Regel von den jeweils anderen Gesellschaftsmitgliedern respektiert. 

Anerkannte anthropologische Theorien gehen davon aus, dass hieraus Eigentum an Gegenständen ausserhalb des eigenen Körpers entstanden ist; etwa an der selbst erlegten Beute, an selbst hergestellten Waffen und Geräten, am selbst gebauten Haus, am darin domestizierten Rind etc. Auch hier entsteht – nun weniger physisch als vielmehr verhaltenskulturell – ein starker gegenseitiger Bezug zwischen der Sache und seiner Steuerungsinstanz: Zwischen dem Kind und seinen Eltern; zwischen der Beute und ihrem Jäger; zwischen dem Haus und seinem Erbauer. Entsprechend energisch reagieren diese Eigentümer, wenn Akteure ohne diesen Selbstbezug dazwischentreten, wenn sie das Kind plagen, die Beute stehlen, das Haus beschädigen; und auch hier geben Unbeteiligte in der Regel dem Eigentümer bei seiner Abwehr recht.

So ist auch das von Liberalen zurecht so stark betonte Eigentumsprinzip nichts anderes als die Artikulierung einer aus natürlicher Verhaltensevolution hervorgegangenen Tatsache.

Die Pathologie des Staates

Der Organismus des heranwachsenden Kindes entwickelt erst allmählich seine eigene Subjektivität beziehungsweise legt erst mit der Zeit die Subjektivität der Mutter, der Eltern oder anderer Anfangsautoritäten ab. Was allerdings nicht selten bleibt, ist das, was Sigmund Freud als «Über-Ich» beschrieben hat. Das ist so etwas wie ein Rest des am Lebensanfang noch ausserhalb des eigenen Körpers fungierenden Ichs; die eigene Subjektivität hat sich zwar ebenfalls entwickelt, jedoch die ursprünglich zuständige Subjektivität der Eltern nicht gänzlich ersetzt. Das kann sich in lebenslangen Abhängigkeiten von den Eltern oder auch anderen Autoritäten niederschlagen bis hin zu gravierenden Psychopathologien, wie sie Freud in seiner Praxis behandelt hat.

Nicht zufällig ist es solchen Pathologien eigen, dass das jeweils extrapolierte Über-Ich nicht einfach die körpereigene Subjektivität überlagert und allenfalls ersetzt, sondern jeweils zwingend auch die Subjektivität aller anderen Menschen sein muss. Das ist die konsequente Weiterführung der Elternfunktion aus der Sicht des kleinen Kindes: Vater und Mutter sind die oberste Autorität, das ultimativ Gute, der Schutz vor allen Gefahren der ganzen Welt. Damit erklärt Freud nicht nur eine oft angetroffene «Unterwerfungssucht», sondern ebenso die Existenz von so auffälligen Top down-Strukturen, wie es zu seiner Zeit besonders markant die Armee oder die katholische Kirche war. 

Heute lässt sich unschwer und sehr ausgeprägt der Staat in diese pathologischen Über-Ich-Strukturen einordnen. Seine erstaunlich zahlreichen Anhänger begnügen sich in der Regel nicht damit, sich ihm zu unterwerfen, sondern halten es für selbstverständlich, dass auch alle anderen dies zu tun haben. 


Zurück zu den Medien